Klettertour Hochschijen 2634 m / Schijenstock 3161 m

Organisator: Jakob Leuzinger 28./29. August 99

Teilnehmer: Urs Rüeschi, Fredi Willi

Am frühen Freitag mittag bestiegen Jack und ich in Zürich den direkten Zug nach Göschenen. Dort wartete Fredi auf uns. Er hatte sein erstes Abenteuer schon bei der Anreise von Brissago bestanden: Nach Sperre des Gotthardtunnels wegen Unfalls zuerst Richtung Pass, dann wegen kurzfristiger Wiedereröffnung dennoch durch den Tunnel!

Beim Staudamm der Göscheneralp entzückten mich die Kristalle, so dass ich trotz Fredis Warnung vor zusätzlichem Gewicht ein Erinnerungsstück für die Familie kaufte. Der einstündige Aufstieg zur Bergseehütte war wegen der hohen Luftfeuchtigkeit recht schweisstreibend. Das Wetter deutete laut Hüttenwartin noch auf zwei schöne Klettertage hin.

Am Samstag morgen durften wir ein reichhaltiges Frühstücks-Buffet geniessen und machten uns bereit für die vorgesehene Tour über den Südgrat des Hochschijen. Ich fotografierte die zauberhafte Morgenröte bei klarem Himmel, dann ging es über grosse Granitblöcke zum Einstieg.

Drei Personen sind keine günstige Zahl für eine Klettertour. Nach kurzer Beratung seilten Fredi und ich uns an einer kurzen Weiche an, der ortskundige Jack kletterte am langen Seil vor. Jack erträgt keine Kletterschuhe und hatte es deshalb etwas schwerer als Fredi und ich. Wegen dieser Begleitumstände war das Tempo eher langsam, und mir kamen plötzlich Bedenken, die ernsthafte Tour auf den Schijenstock am Sonntag zu wagen. Dort veranschlagt der Führer 6 - 7 Stunden für eine geübte Seilschaft, und Benno hat bei jener Route einmal wegen einbrechender Dunkelheit vorzeitig notaussteigen müssen!

Der Hochschijen dagegen weist eher Genusscharakter auf und erlaubt zwei bequeme vorzeitige Ausstiegsmöglichkeiten. Ueberraschend benützte Fredi die erste, weil er sich wegen Magenbeschwerden unpässlich fühlte, und ging zur Bergseehütte zurück. Jack und ich setzten die Genusskletterei fort über einen längeren schwierigen Hang mit Reibungsplatten und Rissen und danach über einen interessanten horizontalen Grat. Zwischendurch konnten wir immer wieder schöne Ausblicke auf die gegenüberliegende Hochgebirgskette von Galenstock bis Dammastock geniessen.

Doch was war das denn? Beim Sichern huschten Nebelschwaden an meinem Gesicht vorbei. Das Wetter schlug rasch um. Wir verweilten deshalb nur kurz auf dem Gipfel und seilten drei gut eingerichtete Längen ab. Schon nach der ersten mussten wir die Jacken anziehen, weil ein feiner Nieselregen einsetzte. Unten angekommen, war die Sicht bereits so schlecht, dass ich Kompasspeilungen durchführte, um die Hütte im Gewirr der Granitblöcke ja nicht zu verfehlen.

Wir stärkten uns bei einer warmen Mahlzeit und befragten die Hüttenwartin nach den Wetteraussichten. Am Sonntag Morgen dauernder Regen und erst am Nachmittag zaghafte Aufhellungen machten klar, dass der Schijenstock nicht ratsam war. Die zahlreichen Klettergärten der Umgebung versprachen bei nassem Granit mit Kletterfinken auch keinen Genuss, wie Fredi mit langer Erfahrung überzeugend einwendete. So beschlossen wir den Abbruch der Tour und reisten nach Hause. Der Schijenstock bleibt uns für spätere Versuche unter günstigeren Umständen erhalten!

Fredi und ich haben ein schönes Klettergebiet mit nicht allzu langen Zustiegen neu kennengelernt und eine Genusskletterei in eindrucksvoller Hochgebirgsumgebung erlebt.

Danke, Jack!

Urs Rüetschi

 

 


© Urs Rüetschi, Alpine Uster 2000