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Hirschbrunft im Val Trupchun, 2001-09-29/-30

Teilnehmer:

Marian Wyder  
Imelda Schmid Organisatorin, Gastgeberin
Angelina Madunic Gast
Barbara Oppermann Gast und Berichterstatter
Bella Roscher Gast
Claudia Ruprecht Gast, ab Val Trupchun
Daniel Hüsler Gast, ab Val Trupchun
Hans Oberli Gast und Retter ab Val Trupchun
Matthias Schleer Gast
Thomas Schmid Schreiber und Sherpa

 

Der Zürcher Hauptbahnhof ist an einem regnerischen Herbstmorgen wenig charmant und die sechs Gestalten, die sich um halb sieben früh dort treffen, sind noch recht verschlafen. Bella stellt sich gleich mit den Worten vor "Es ist noch zu früh, um Höflichkeiten auszutauschen". Recht hat sie! Und so fahren wir langsam Richtung Morgen, Sonne und Engadin.

Der Heidiexpress mit seinem ungewohnten Weg ist die erste Verbindung am Morgen vom Züribiet auf den Berninapass. Deshalb steigen wir in Landquart um, es wird heller und wir munterer. Der "Heidiexpress" ruckelt durch die Klusschlucht, weiter durchs Prättigau und über den Wolfgangpass nach Davos. Dann, entlang dem Landwasser, durch die Zügenschlucht, über den Wiesner Viadukt. In Filisur erreichen wir das romantische Albulatal. Durch Wälder und die einzigartigen Kehrtunnels schraubt der Zug sich bis ins Engadin.

Imelda steigt in Pontresina ein, allein. Claudia und Daniel blieben in S-chanf, sie sollen uns mit (dem anstiegophoben) Hans und einem Kuchen am Nachmittag entgegenkommen.

Um 10:50 sind wir endlich auf dem 2253 Meter hohen Berninapass

Imelda hatte alles bestens organisiert, bei Ankunft am Ospizio Bernina wartet ein Taxi, dass uns über Livigno (1805m) zum Einstieg der Tour über die Fuorcla Trupchun (2782m) bringt. Kurz vor ein Uhr, nach einem Kaffee und Gerstensuppe (zuppa d'Orzo) sind wir zuversichtlich, dass wir weit weniger Zeit als die auf dem Schild angegebenen 4 Stunden zum Pass benötigen. Das Wetter ist beständig, bewölkt, doch weitgehend trocken.

Am Gegenhang des Tales, welches wir hochsteigen, kullern Steine herunter. Bella sucht mit dem Feldstecher, entdeckt Gämsen hoch oben über der Runse! Auch die können nicht gehen, ohne Steine auszulösen. Jäger, die uns entgegenkommen, lassen vermuten, dass es noch mehr Wild zu sehen gibt. "Siete tardi", meint der eine. Gegen halb vier, wir sind noch ein gutes Stück vom Pass entfernt, hören wir das Aneinanderschlagen von Hörnern. Mitten auf dem Pfad, zirka vierzig Meter vor uns, kämpfen zwei Steinböcke. Ein Steinbock ist bis zu 1,7 m lang und, wenn er sich auf die Hinterbeine aufrichtet, wirkt er selbst aus der Entfernung beträchtlich groß. Mit seinen rund 150 Kilogramm Körpergewicht schmeißt er sich dann Kopf voran mit seinen bis zu ein Meter langen gebogenen Hörnern auf die Hörner seines Gegners. Wir stehen und schauen, eine ganze Weile.

Erst als wir uns auf zwanzig Meter nähern, halten die beiden Böcke innen, klettern gemächlich auf den nächsten Kamm und führen ihren Schaukampf ungeachtet der Wanderer weiter. Etwa dreihundert Höhenmeter vor dem Pass treffen wir auf eine ganze Herde von Steinböcken und -geißen, mit rund 25 Tieren.

Gegen vier erreichen wir die leicht schneebedeckte Passhöhe, die Grenze zur Schweiz und zum Schweizer Nationalpark. Vom Pass aus können wir bereits die Hirsche im Val Trupchun röhren hören. Wir sind nun wirklich etwas spät, die vielen Pausen, die wir zum Beobachten des Wildes (und zum Schnaufen) genommen hatten, haben unseren Aufstieg verzögert.

Hans, Claudia und Danny sind bereits auf der Alp Trupchun. Durch das Fernrohr der Parkwächter sehen sie uns auf dem Pass oben, vor der alten Militärunterkunft. Auf der Engadiner-Seite ist der Hang viel steiler als in Italien drüben, besteht aus lockerem Schutt, mit einigen Schneeflecken drauf. Sehr mühsam für den, der sich nicht gewohnt ist, auf den Absätzen mit jedem Schritt noch eine Fußlänge zu gleiten! Wir haben lange, müssen gar noch über einige Felsen weg klettern.

Von der Alp Trupchun kommen uns Claudia und Danny entgegen und begleiten uns zur Alp hinunter, betätigen sich als willkommene Rucksackträger. Deutlich später als erwartet sind wir da, doch auch nach sechs Uhr röhren die Hirsche noch in der Brunft. Es bleibt nicht mehr allzu viel Zeit für weitere Wildbeobachtungen.

Kurz vor der Alp Purcher bereiten wir uns seelisch und moralisch darauf vor, die letzten Kilometer nach S-chanf im Dunkeln zu laufen, doch Imeldas Organisation ist perfekt. Als Hans durch den Feldstecher beobachtete, dass wir wohl nicht zum Kaffeeplausch auf der Alp Trupchun sein würden, stieg er geschwind ins Tal, organisierte einen Pick-Up, legte Heuballen auf die Ladefläche und erwartet uns am Ausgang des Tals mit einem Fahrzeug. Noch 1 ½ Stunden gehen, in der Nacht, das hätten wir trotz Vollmond kaum mehr geschafft! Hans hat uns gerettet! Er bringt uns direkt vor die Gasthäuser und zum Hotel Il Chardun (resp. Imeldas Wohnung!).

Für die vielen Leute musste Imelda auch noch externe Zimmer organisieren - auch das ist perfekt, die Zimmervermieterin putzt gar noch die schmutzigen Bergschuhe (vielen Dank!), während die müden Wanderer in ausgeliehenen Schuhen zum Nachtessen gehen.

Dank Imelda, Hans, Claudia und Danny essen wir eine Kürbis- und Morchellasagne, mit selbstgemachten Teigblättern  basierend auf Wachteleiern. Das Rezept sei zur Nachahmung empfohlen! ( Wachteleier liefert Imelda gern, auch per Post)

Sonntag früh steht ein großes Frühstück bereit, mit selbstgemachtem Brot, Jogurt, Müesli, Marmelade,  Wachtel-Spiegeleiern auf Darvida,...

Die wenig optimistische Wettervorhersage lässt uns umplanen. Anstatt im Regen über die Furocla Pischa (2871m) und durch die Val Plazbi nach Chants zu laufen, wollen wir lieber den artgerechten Wachtelstall von Imelda besuchen.

Bella und Angelina fahren direkt nach Zürich zurück, Claudia und Danny bleiben noch etwas länger in S-chanf. Wir andern wollen doch noch richtig nass werden, von oben, unten und allen Seiten, aber auf die angenehmste Art und Weise: wir lassen das Wochenende in den Sole- und Außenbecken, in der Saunalandschaft und den Dampfbädern des "Bogn Engiadina Scuol" in Schuls ausklingen. Erst das Bad hat Matthias so erschöpft, dass er den Anstieg zurück zum Bahnhof fast nicht mehr geschafft hätte!

Danke, Imelda, für ein wunderschönes Wochenende!