Schon im Jahr 2001 hatten wir diese Bergtour im Programm; da der Wetterbericht nicht
eben überzeugend war und sich keiner so recht für die weite Reise entschliessen konnte,
wurde die Tour nicht durchgeführt. Obwohl der Hüttenwart in der Tracuit-Hütte meinte,
die Wetterprognosen des Radios stimmen selten "mauvais temps ici? eh oui, la
météo... il y a tout les jours des gens qui montent à la Bishorn".
So war dieses Jahr die Tour mit Brunegghorn (auf Vorschlag von Toni Trendle) und
Bishorn ausgeschrieben, wieder drei Tage. Leider war Toni verhindert. Auch Urs Rüetschi
konnte nicht kommen, sendete aber Ratschläge und eine Foto
mit dem Weisshorn und dem Bishorn rechts dran:
Die Reise ins Wallis ist weit, die Ferientage kostbar, der Wetterbericht nicht
begeisternd. Der Tourenleiter erhielt fünf Absagen, keine Zusage von "Alpinen"
auf die definitive Ausschreibung hin...
So wurde das Brunegghorn gleich aus dem Programm gestrichen. Ins Auge gefasst wurde,
vielleicht nur das Bishorn (Zinal -> Tracuithütte -> Bishorn, Abstieg nach Zinal)
oder gar nur von der Turtmannhütte das Barrhorn (3610 m) zu besteigen.
Unser Materialverwalter Walter König legte mir am Freitag Abend Seil, Steigeisen,
Gstältli u.s.w. bereit und besprach mit mir noch, wie diese Gerätschaften nach heutigen
Regeln einzusetzen seien. Mit seiner Frau, Ursula, schaute ich die Wettervorhersage am
Königschen Fernseher - gar nicht so üble Prognosen, vor allem für die Süd-West-Ecke
des Wallis.
Samstag, 2002-August-31
Am Morgen giesst es in Zürich in Strömen. Wir überlegen uns nochmals gründlich, ob
wir um 12:06 tatsächlich im Zug sitzen sollten. Wir entschliessen uns loszufahren,
allenfalls statt auf den Berg in ein Hotel zu gehen, den Tag in Museen zu verbringen. Auf
jeden Fall im Wallis!
Mit dem direkten Zug geht es über Bern nach Brig, über den Lötschberg fahren wir im
Speisewagen, schauten auf die NEAT-Baustelle hinaus, suchten in den Baustellen und
Wäldern den Blausee. Wie immer vergeblich. Auch die 89-jährige Tante Trudi sieht den See
nicht, wo sie doch seit Jahrzehnten die Schweiz durchwandert, im Zug immer am Fenster
klebt. Der Speisewagenkellner, auf dessen Namensschild zu meiner Verwunderung "St.
Pasula" steht, lässt sich viele Male bitten, bis ich ihm endlich die Rechnung
bezahlen darf. Wir wollen zurück in den normalen Wagen! Die Aussicht von der Lötschberg
Südrampe in die Walliser Berge und ins Tal hinunter ist immer wunderbar. In Brig
verabschieden sich die beiden älteren Damen, Mutter Schmid und Tante Trudi Widmer fahren
nach Saas-Almagell.
Für uns Bergsteiger geht die Reise weiter, im Regionalzug das Tal hinunter Richtung
Sitten. Heiss und trocken ist es hier, alle Fenster stehen wieder mal offen.
Von der SBB-Station Turtmann aus fahren wir mit dem einen Bus zur kleinen Seilbahn nach
Oberems, von dort mit dem andern Bus ins Turtmanntal hinein nach Gruben. Wir fragen den
Fahrer freundlich, er fährt dafür von noch bis ans Ende der Fahrstrasse, zum Vorderen
Sänntum. Dort stehen sicher zehn Autos von anderen Wanderern, schade, fahren die nicht
auch mit dem öffentlichen Verkehr, mit ihnen würde es sich lohnen, mehr Kurse zu fahren.
Wir folgen dem Fussweg, überqueren die enge Schlucht des Bachs über einen
Felsbrocken, steigen auf zum Stausee, immer denkend die beiden Wanderer vor uns sollten
wir gleich einholen. Doch beim Stausee geben wir diese Hoffnung auf. Sie sind schon fast
beim oberen Becken, dem Sandfänger-Stausee.
Wir treffen die beiden in der Turtmann-Hütte 2519 m; es sind die Eltern der Köchin,
welche heute mit ihrem Freund zusammen für die Hütte schaut.
Eine Gruppe mit einem Bergführer von Bellwald(?) ist auch da. Sie sind heute von der
Cabane de Tracuit herübergekommen. Er gibt uns zum Glück bereitwillig Auskunft über den
Weg: Erst zum Gassi, dann über den schwarzen Schnee, auf den weissen Punkt am Adlerflüe
halten, links davon ist ein Fixseil. Vom Adlerflüe soll ich dann zum Turtmanngletscher
spiegeln, schauen wo ich durch will.
Wir übernachten, haben viel Platz im Schlafraum.
Sonntag, 2002-September-01
Als erste steigen wir auf zum Gassi, Marianne lässt sich noch von den ersten Felsen
beeindrucken. Eine Verzweigung, wir gehen zum Bruneggletscher hinüber, schnallen die
Steigeisen an die Füsse, seilen uns an (ca. 2660 müM). Tatsächlich, am Adlerflüe ist
ein grosser weisser Punkt zu sehen! Der schwarze Schnee ist eine Eisfeld, bedeckt mit
Steinen. 30 Meter darüber hängt drohend ein Eisabbruch - also schnell durchgegangen,
bevor wir mit Eisbrocken bombardiert werden.
Nun sehen wir, dass der Punkt ein runder Fels von etwa drei Metter Durchmesser ist,
weiss wie Marmor. Daneben hängt tatsächlich ein Fixseil. In leichter Kletterei, wieder
ohne Steigeisen, geht es auf den Felskopf (P 2913.3). Von oben schaue ich mit dem
Feldstecher, wie vom Bergführer angewiesen, zum Gletscher hinüber. Tatsächlich, unten
steht ein schöner Gletschertisch. Auf der linken Talseite sollen wir hinauf. Das Eis
sieht zerklüftet aus, aber machbar.
Wegen Spalten und einiger Meter blankes Eis schnallen wir die Steigeisen gleich wieder
an. Aber dann müssen wir bestimmt einen halben Kilometer über Felsbrocken gehen, welche
das Eis bedecken. Am Gletschertisch gibt es eine Rast. Leider hat der Barmann eben Urlaub,
so steht Marianne allein am Tisch.
Jetzt gilt es den Weg über den Turtmanngletscher suchen. Wie geplant, auf der linken,
der westlichen Seite, am Fuss des Gipfels les Diablons (3609 müM), steigen
wir auf, im Zick-Zack zwischen den Spalten, welche teils recht tief, aber immer gut
sichtbar sind. Einmal müssen wir 15 Meter zurück, auf den Fels ausweichen, um eine
Spalte zu umgehen.
Über 3000 m gibt es auch ein steiles Stück blankes Eis. Marianne rutscht kurz - zum
Glück, sie fängt sich gleich wieder auf. Sie hat doch schon hart gearbeitet heute, für
ihre erste Gletscherwanderung, ist müde. Bald sehen wird die Cabane de Tracuit (3256
müM) rechts vor uns, sowie die ersten Gruppen von Bergsteigern, welche vom Bishorn
zurückkommen. Auf dem Gletscher finden wir noch drei Luftballone mit Karten, offenbar von
der Hochzeit, welche wir gestern 2800 Meter weiter unten, in Turtmann, gesehen haben.
Um 14 Uhr können wir die Steigeisen abnehmen, sind fünf Stunden unterwegs gewesen.
Mit dem Wetter hatten wir Glück, am Samstag einige Regentropfen, heute nichts, leicht
bedeckt, damit auch nicht zu heiss.
Etwa 80 Leute waren an diesem Sonntag auf dem Bishorn, viele treiben sich eben noch um
die Hütte herum. Aber der Hüttenwart ist schon damit beschäftigt, den Aufenthaltsraum
mit einer Zwischenwand zu teilen, damit er für die wenigen Gäste nur noch den inneren
Teil warm halten muss.
Wir unterhalten uns mit den anderen Gästen, zwei Waadtländer von Allaman, die einen
Bergführer von Grimentz bestellt haben, um am Montag auf das Bishorn zu steigen. Ich
erhalte gar Komplimente für mein rostiges Französisch. Für Marianne, welche nicht
Französisch spricht, kehren die Waadtländer ihr Deutsch hervor, trs gentils! Sonst
sind noch drei weitere Leute da, mit anderen Zielen.
Montag, 2002-September-02
Marianne hatte sich alle Mühe gegeben, frühzeitig zu trinken, später keine
Flüssigkeit mehr zu sich zu nehmen. Dennoch muss sie mitten in der Nacht hinaus,
Flüssigkeit abgeben. Draussen ist es dunkel, es schneit, fast hätte sie die Hütte nicht
mehr gefunden.
05:30 wäre eigentlich die vorgeschriebene Tagwache, nach Vorschriften des
Hüttenwarts. Aber er kommt uns nicht wecken. Wir hören den Bergführer, welcher die
beiden Waadtländer holen kommt. So um 6 Uhr sind wir auch beim Frühstück.
06:30 Abmarsch über den Gletscher zum Bishorn
Auf den Gletscher treffen wir jetzt ca. 500 m ab der Hütte, dort ziehen wir die
Steigeisen an. Gemäss einem Bergführer ist der Gletscher schwierig, gefährlich mit
Spalten. Daran erinnere ich mich vom Aufstieg im Jahr 2000 kaum. Ausgeapert ist war er
schon damals an einigen Stellen! Heute liegt frischer Schnee auf dem Eis. Es sind keine
Spuren vom Vortag zu erkennen. Wir folgen der Dreier-Seilschaft, zuerst 1 km flach, gegen
den Punkt 3591. Immer wieder müssen wir den Schnee aus den Steigeisen klopfen.
Wie die Steigung beginnt, holen wir die andere Seilschaft ein. Nun spure ich, Marianne
tapfer hinter mir her. Immer wieder überlege ich, ob wir wohl besser umkehren sollten.
Die Höhe macht uns zu schaffen. Steil ist der Anstieg, mühsam der in den Eisen klebende
Schnee.
Der Bergführer folgt uns, immer in meiner Spur, aber mit zunehmendem Abstand. So
stehen wir dann allein unter dem Gipfel, ich muss entscheiden, ob es da zu gefährliche
Schneewehen gibt oder nicht. Es geht, wir kommen auch die letzten 5 Meter hinauf, auf die
grosse Gipfelfläche.
10:15 auf Gipfel, 4153 müM.
Der Himmel ist wie gestern leicht bedeckt, sehr weit sehen wir nicht, beziehungsweise
nicht in alle Richtungen. Mich beeindruckt der Aletschgletscher im Norden mit den beiden
dunklen Moränen, welche im weissen Eis und Schnee wie Spuren von Riesenrädern aussehen.
Die Berner Alpen grüssen aus dem Norden. Gleich vor uns, etwas südlich, steht das
riesige Weisshorn mit seinem Hängegletscher, natürlich sehen wir die Saaser Gipfel,
Monte Rosa Gruppe, Mischabel. Das Matterhorn ist nicht sichtbar, es versteckt sich hinter
Weisshorn. Wir bleiben nicht lange, es ist doch kalt.
10:30 Rückkehr hinunter, bald überholt uns der Bergführer mit seinen beiden Gästen;
im Abstieg sind sie schneller. Er hat die grossen Ziffern 4 0 0 0 in den Schnee
gezeichnet, sehen wir. Bei den Spalten weit unten (ca. 3400 m) wartet der Bergführer mit
seiner Seilschaft, bis auch wir sicher hinüber sind. Es ist doch wärmer geworden, alles
ist schneebedeckt, wir müssen schwache, schlecht sichtbare Schneebrücken fürchten.
12:30 Cabane de Tracuit. Wir machen eine Rast bis 14 Uhr. Marianne spürt die
ungewohnte Höhe, legt sich 3/4 Stunden aufs Ohr. Um 16:30 sind wir in Zinal - wir sind
2'400 m hinuntergestiegen. Der Bergführer ist wahrscheindlich schon lange bei seinen
nächsten Gästen, die beiden netten Waadtländer haben wir hinter uns gelassen.
Uns reicht es noch, Käse (von Singline), Seraq und Roggenbrot einzukaufen. Die
Walliserprodukte kann ich am Dienstag den Arbeitskollegen bei der ZKB im Büro servieren.
Aber erst kommt noch die Postauto- und Bahnfahrt nach Zürich, die steilen Wände des
Val dAnniviers, die Steimandli auf der anderen Talseite, die Holzhäuser in den
Dörfern, die Serpentinen hinunter nach Siders. Das Schloss Chillon, die Rebberge des
Lavaux und den Genfersee von oben muss Marianne noch anschauen, sie ist das
erste Mal in der Waadt. Dann darf sie sich im Zug schlafen legen - zum Glück haben die
Doppelstockwagen eine lange Bank. Um 23 Uhr sind wir in Zürich.
©2002, Thomas Schmid Zürich, 2002-10-10